Abhalten für Anfänger – Zwischenbilanz nach einem Jahr

Als ich letzten August damit begann unseren Nachzügler (damals 3 Monate) abzuhalten, startete ich ohne spezielle Vorstellungen, ohne mich näher mit dem Thema beschäftigt zu haben (d.h. wirklich auch ohne Fachlektüre, ohne Kurse) und ohne konkretes Ziel – einfach aus purer Neugierde. Bei meinen drei großen Kindern (16, 13 & 10) war ich noch fest davon überzeugt, das Praktischste und für das Kind Angenehmste wären Einwegwindeln. Mittlerweile hat sich meine Sichtweise etwas geändert.

Ich möchte euch gern von meinen Erfahrungen als totale Anfängerin erzählen, mit dem Hintergrund, dass vielleicht auch bei einigen von euch die Hemmschwellen fallen und ihr euch an das Konzept des Abhaltens bzw. “Windelfrei” (Englischer Fachbegriff: Elimination Communication) heranwagt.

Wie alles begann könnt ihr in meinem Artikel „Baby abhalten – Mein Windelfrei light“ nachlesen. Diesmal berichte ich über die Situation mit einem gleich 15-Monate-alten Kleinkind.

Vorab aber ein Gedankenexperiment:

Stellt euch vor, euer Körper funktioniert einwandfrei (was er hoffentlich tut) und ich stelle euch vor die Wahl: Wenn du Harn- oder Stuhldrang verspürst, gehst du entweder aufs WC oder machst dir – an Ort und Stelle, egal in welcher Gesellschaft du dich befindest – nun einfach in die Hose. Was wählst du?

Als ich die drei Großen wickelte, hatte ich mir ehrlich gesagt nie Gedanken darüber gemacht, ob sich überhaupt eine Alternative zum Wickeln biete. Ich war nämlich tatsächlich der Meinung, Babys wären einfach noch nicht im Stande, ihre Körperausscheidungen zu kontrollieren und daher gäbe es praktischerweise auch Windeln – eine großartige, fortschrittliche Erfindung der modernen Zivilisation. Völker, die dies nicht so handhaben, wären quasi steinzeitlich. So war es mir immer erklärt worden und so glaubte ich es auch.

Heute bin ich schlauer und der Ansicht, dass nicht die Kinder es sind, denen die Fähigkeit dazu fehlt – nein. Es sind wir Erwachsene, die ihr Verhalten regelrecht in die verkehrte Richtung lenken und den Kindern “abtrainieren”, was sie eigentlich von Natur aus sehr wohl beherrschen. Wie es dazu kommt ist allerdings auch leicht verständlich: Ein Kind abzuhalten bedeutet schon einen gewissen Zeitaufwand – zumindest ein bisschen mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Flexibilität als sie ein Wickelkind benötigt. Vielleicht spielte mir da auch die Corona Situation in die Hände, die uns regelrecht dazu zwang, viel Zeit zuhause zu verbringen, sodass sich mein Kind rasch an das Ritual “Wir gehen aufs WC” gewöhnen konnte. Heutzutage fehlt häufig genau diese Zeit, die wir mit unserem Nachwuchs verbringen dürfen, da viele Mütter/Väter schnell wieder ins Berufsleben zurück wollen oder müssen. Für ein Kind, das täglich mehrere Stunden in einer Gruppe fremdbetreut wird, ist Windelfrei/Abhalten vermutlich kaum umsetzbar. Bist du jedoch zuhause in Karenz/Elternzeit und als Bezugsperson die meiste Zeit anwesend, ist es eine großartige Sache!

Abhalten: Wie es lief und läuft

Unser Stand der Dinge nach einem Jahr “Abhalten” ist folgender: In 12 Monaten habe ich EINEN Müllsack Einwegwindeln verbraucht. Davon waren max. 10 Stück “Stinkewindeln”. Mittlerweile bin ich sogar auf Stoffwindeln mit waschbaren Einlagen umgestiegen, sodass ich wirklich kaum mehr Windelmüll produziere. Feuchttücher – das war das erste, das mir gleich zu Beginn auffiel – habe ich wirklich gar keine gebraucht. Wenn das Kind aufs WC geht (Töpfchen, was auch immer), reicht normales WC Papier, da der Po nicht schmutzig wird.

Das für mich Überraschendste: Mein Kind sagt mir mit seit einiger Zeit (Start: 14 Monate) mittlerweile ganz deutlich, wenn es Stuhldrang verspürt und läuft von sich aus zum WC. Davor war es so, dass es dies kommunizierte, indem es innehielt, Blickkontakt suchte und ein kurzes “Drückgeräusch” machte. Dann schnappte ich den Zwerg schnell und wir liefen gemeinsam zum WC.

Falls du dir nun die Frage stellst: Ja, aber woher weiß ich denn anfangs überhaupt, wann mein Kind mal muss? Nun, die meisten Menschen haben ja – auch als Erwachsene – einen bestimmten Rhythmus. Dieser hängt oft mit den Mahlzeiten und/oder Schlafenszeiten zusammen. Hierfür bekommt man rasch ein Gefühl. Ich hatte immer “Angst” davor, mein Kind bei dieser Methode ununterbrochen im Blick haben zu müssen und “lesen” zu müssen, aber dem ist nicht so.

Was den Harndrang angeht, so kann ich folgendes berichten: Nein, ich weiß nicht vorab, wann mein Kind mal muss. Und ich denke, es ist auch selbst häufig davon überrascht, aber sagt dann sofort Bescheid und greift zur (Stoff)Windel, wenn sie nass ist oder zieht sie sich auch selbst runter. Das ist aber interessanterweise kein Problem und das Abhalten klappt dennoch: Mein Kind hat nämlich schnell gelernt, den Muskel zu steuern, den es braucht, um die Harnblase zu leeren!

Genauso wie du selbst erstmal aufs WC musst, wenn du lange geschlafen hast, muss auch dein Kind. Ich bin also nach jedem Schläfchen mit dem Kleinen erstmal aufs WC gedüst, um ihn dort abzuhalten. Für mich als Laie klingt das nach einer gewissen Konditionierung – Fachleute mögen dem widersprechen und betonen, es basiere auf der Kommunikation zwischen Mama/Papa und Kind. Sei es, wie es sei: Es funktioniert. Mein Sohn versteht, was er zu tun hat, wenn er über die WC Schüssel gehalten wird. Also machen wir dies einfach immer zwischendurch und schauen “ob was kommt”. Genauso nämlich, wie ich selbst Wasser lassen kann, wenn ich mal probiere oder danach gebeten werde (z.B. beim Arzt), ohne dass bereits ein Drang da ist, schafft es auch mein kleines Kind. Natürlich ist hier auch eine gewisse Kommunikation vorhanden: Zwar sagt der Zwerg mir (noch) nicht vorab, wann er mal Pipi muss, aber er sagt mir, wenn ich ihn zwischendurch zum WC bringe und abhalten möchte, ganz eindeutig, wenn er NICHT muss (indem er sich zum Beispiel durchstreckt und protestiert). Dann zieh ich ihn wieder an und beende den Versuch mit einem gelassenen “Ok, dann vielleicht später!”.

Überhaupt, so finde ich, ist es das Wichtigste, ganz gelassen an die Sache heranzugehen und keinen Stress oder Druck aufkommen zu lassen. Weder habe ich die Anforderung, dass es kaum nasse oder schmutzige Windeln gibt, noch, dass mein Kind möglichst schnell rein ist. Ich ärgere mich also nicht, wenn`s NICHT klappt, sondern freue mich bei jedem einzelnen Mal, DASS es klappt. Mit dieser positiven Verstärkung, die ich meinem Kind täglich kommuniziere, wurde das Abhalten für uns rasch etwas ganz Normales, das wir schon länger auch an anderen Orten (inkl. auf Urlaub) problemlos praktizieren und das der kleine Boss mittlerweile auch mit anderen Betreuungspersonen gemeinsam erledigt.

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