Das erste große Heimweh – Wie unterschiedlich Kinder auf Distanz reagieren

Zur Abwechslung mal bei Oma und Opa übernachten? Klar doch! Eine Pyjama Party beim besten Freund ums Eck? Was für ein Heidenspaß! Vermutlich beginnen alle Kinder früher oder später daran Interesse zu zeigen auch einmal auswärts zu schlafen – manche früher, manche später. Ist ja auch kein großes Thema, wenn man selbst auswählen darf, zu wem oder wohin es gehen soll und Mama oder Papa einen notfalls zu später Stunde wieder nachhause holen. Irgendwann kommt jedoch der Moment, an dem es für die Kinder heißt mit einer größeren Gruppe, mit teils unbekannten Personen, an einen unbekannten, weiter entfernten Ort zu fahren. Manche Kinder tun dies im Rahmen von Sommercamps, manche starten in der Schule mit den ersten Klassenfahrten wie Sportwoche oder Skikurs. Egal, wie, wann und wo: eine Aufregung ist dieses erste Mal allemal. Und zwar für beide Seiten: sowohl Kind als auch Eltern.

Ich selbst bin nicht die Mutter, die je ein Kind dazu gedrängt hätte auf irgendein Ferienlager, Reitcamp, Sprachwoche etc. zu fahren. Nachdem dieser Wunsch auch nie geäußert wurde, beließen wir es dabei. Folglich waren/sind die ersten Klassenfahrten bzw. Skikurse die ersten großen Abenteuer meiner Kinder. Besonders interessant ist es dabei zu beobachten, wie unterschiedlich die einzelnen Charaktere an die Sache herangehen. Während manche von Anfang an skeptisch sind und gleich beim Herzeigen des ersten Infozettels nachfragen: „Muss ich da mit?“, freuen sich andere und fiebern dem Klassenausflug entgegen. Wenn dann jedoch die Zeit gekommen ist, um tatsächlich für eine Woche Abschied zu nehmen, kommt auch bei letzteren mitunter ein mulmiges Gefühl auf. Dabei ist bei manchen der Anflug von Unsicherheit und Zweifel durch ein simples „Du wirst sehen: Das wird bestimmt toll!“ vom Tisch gefegt, andere wiederum brauchen sehr viel Zusprache und Mut machende Worte. Wer erinnert sich nicht daran zurück, wie es war, das erste Mal fortzufahren mit den Klassenkollegen, ganz auf sich allein gestellt, ohne den Schutz von Mama und Papa?

Dabei waren die Umstände vor 25 Jahren ja noch ganz andere. Man stelle sich vor, da waren wir als Schüler in Quartieren ohne gratis WLAN und Smartphones. Ein (!) Anruf zuhause am Münztelefon musste reichen. Statt Boulderhalle, Indoor Beachvolleyballplatz, XXL Trampolinen, Rodeo Bull Riding und Yogaabend gab es bloß eine Turnhalle, und „Chill-out Area“ und „Gamesroom“ hießen schlicht „Aufenthaltsraum“ – ein Ort, an dem man sich mit anderen unterhielt, ganz in echt, ohne elektronische Devices in der Hand. War trotzdem irgendwie cool und lustig damals, obwohl so ganz anders als heutzutage. Nur eines hat sich nicht geändert: das Gefühl von Heimweh. Manche kennen es mehr, manche weniger. Schließlich können auch modernste Kommunikationstechnologien die direkte menschliche Nähe der vertrauten Bezugspersonen nicht hundertprozentig nehmen. Und genau das ist, so finde ich, eine wichtige Erfahrung im Entwicklungsprozess.

Als Mama ist es mir ein Anliegen die Selbstständigkeit und das Selbstvertrauen meiner Kinder zu stärken, um ihnen, wie das Sprichwort sagt, Flügel und damit den Mut zu geben, das Nest zu verlassen. Dabei finde ich es auch wichtig, den Kindern ihren Freiraum zu lassen. Wie schön, wenn sich der Nachwuchs längere Zeit nicht meldet, weil er zu beschäftigt ist und einfach Spaß hat! Es soll ja Eltern geben, die ihre Kinder noch im Erwachsenenalter mit ständigen Telefonaten und Nachrichten regelrecht terrorisieren und ständig über alles unterrichtet werden wollen. Davon halte ich persönlich nichts.

Abschließend sei noch gesagt, dass jedes Elternpaar selbst entscheiden muss, wann und wieviel Heimweh dem eigenen Kind zuzumuten ist und ob man gewillt ist, im Falle des Falles eine lange Reise anzutreten um ein Kind, für das es dann gar nicht passt, von einem Camp oder Skikurs ab und wieder heim zu holen. Für mich liegt der richtige Zeitpunkt im Vergleich zu anderen Eltern vermutlich eher etwas später – ist aber auch wieder abhängig von der Persönlichkeit des Kindes. So entschied ich mich zum Beispiel als einzige Schülermutter der Klasse meinen damals 8-jährigen Sohn nicht mit auf Klassenfahrt nach Ungarn zu schicken, einfach, weil mir das zu früh erschien. Bei einem 12-jährigen sieht die Sache natürlich anders aus.

Wiedersehensfreude: Geschwister reunited
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