Tag der Abrechnung: Ziffernnoten oder alternative Beurteilung?

Da kommen sie herausgestürmt aus den Klassen, all die Schüler, mit demselben Gedanken: „Ferien!!!“ Doch halt. Vorher gibt es doch noch irgendetwas abzuliefern bei Mama und Papa… Während es manche gar nicht erwarten können und stolz mit der Schulnachricht in der Hand herumwedeln, kommen andere mit gesenkten Köpfen und traurigen Gesichtern ihren Eltern entgegen. Jetzt ist er also gekommen, der Tag der Abrechnung. Lass mal sehen, Kind, wie brav du gearbeitet hast!

Um ehrlich zu sein, missfällt mir die Tatsache, dass Bildung häufig als etwas betrachtet wird, das komplett ausgelagert werden kann. Man gibt sein Kind quasi an einer Institution ab und erhält ein fertiges Produkt. Mängel sind bitte bei den Lehrkräften zu reklamieren. Leider funktioniert das so nicht. Viele Eltern sind sich ihrer tragenden Rolle und ihrer Pflichten meiner Meinung nach schlichtweg nicht bewusst. Denn die besten Bildungschancen und den damit verbundenen sozialen Aufstieg gibt es nur, wenn das gesamte Umfeld, ergo die Familie, mitspielt.

Die neu entfachte Diskussion bezüglich einer adäquaten Beurteilungsform an Volksschulen kann ich nur zum Teil nachvollziehen. Meine Sicht als Mutter von drei Schülern und Lehrerin vermag es vielleicht andere zum Nachdenken anzuregen. Dass Noten nicht unbedingt aussagekräftig sind und mitunter von Lehrer zu Lehrer bzw. Schule zu Schule stark abweichen, muss ich aus eigener Erfahrung leider bestätigen. Ich kann mich allerdings nicht unbedingt mit der Behauptung anfreunden, Noten würden zu großen Druck erzeugen. Tatsächlich sind es nämlich nicht die Ziffern, die die Schüler stressen, sondern in den meisten Fällen die Reaktion der Eltern auf ebendiese. Wie oft bekomme ich von meinen Kindern zu hören, dass Freunde mit Schulnoten regelrecht erpresst werden („wenn er einen Dreier hat, darf er nicht…“, „wenn sie lauter Einser hat, bekommt sie…“ usw). Im Grunde genommen ist es für die Eltern ein praktisches, leicht verständliches System, das rasche Vergleiche ermöglicht.

Schulnachricht vor 30 Jahren

Ganz anders die komplexe, individuelle Beurteilung, in der im Detail auf Stärken und Schwächen eingegangen wird – eine doch zeitintensive Aufgabe für alle Beteiligten, insbesondere den Lehrer. Ich persönlich halte letzteres für eine großartige Form der Beurteilung, sofern sie nicht aus hohlen Standardfloskeln besteht, sondern tatsächlich auf den Einzelnen eingeht. Die richtigen, persönlichen Worte vermögen Schüler sicherlich mehr zu motivieren als irgendeine Ziffer.

In Anbetracht der Tatsache jedoch, dass ein Großteil der weiterführenden Schulen auf einem notenbasierten System aufbaut, finde ich es schon sinnvoll, die Kinder rechtzeitig darauf vorzubereiten. Wir haben tolle Erfahrungen mit einer Lehrerin unserer Kinder, die ihnen (zusätzlich zum regulären, notenbasierten Zeugnis!) eine wirklich ausführliche, alternative Beurteilung ausstellt. Auf dieser werden die Schüler überdies gebeten, sich selbst Ziffernnoten in den einzelnen Unterrichtsfächern auszustellen – so erhält man eine aufschlussreiche Selbsteinschätzung der Kinder, in der sie lernen, mit diesem Konzept der Notengebung umzugehen.

Im direkten Vergleich: Ziffernnoten vs. alternative Beurteilung

Wie an diesem Beispiel zu sehen ist, müssen sich die zwei Systeme also nicht gegenseitig ausschließen, sondern sollten vielmehr eine Einheit darstellen. Schlussendlich hängt es stets vom Lehrer ab, wie Lob und Kritik in der Leistungsbeurteilung transportiert und von den Schülern aufgenommen werden. Das persönliche Gespräch sollte dabei immer Voraussetzung sein – und wie eingangs angemerkt der Dialog und das aktive Einbinden der Eltern, deren Rolle im Entwicklungsprozess der Kinder mehr sein sollte als ein halbjährliches Abfragen irgendwelcher Noten.